Montag, 28. November 2005

Das Internet und unsere sozialen Beziehungen

Barry Wellman stellt in seinem Text Personal Relationships: On and Off the Internet die Frage, in wie weit das Internet unsere persönlichen Beziehungen beeinflusst und stellt die Ergebnisse mehrerer Studien dar, die zu diesem Thema durchgeführt wurden.

Heute ist man in der Internetforschung sehr bemüht, zu realitätsnahen Resultaten zu kommen, anstatt wie früher nur ausgewählte Gruppen der Mediennutzer zu untersuchen oder sich auf spezielle Aspekte zu konzentrieren. Die heutigen Forschungen basieren demnach auf Umfragen, Interviews oder Beobachtungen, um eine möglichst breite Nutzerschaft der Medien in die Untersuchung einbeziehen zu können.

Zu den sozialen Aspekten des Internets gehören:

Kontakt zwischen einer Vielzahl von Netzwerkmitgliedern, der unabhängig von räumlichen oder zeitlichen Distanzen ist

Kontakt zwischen Personen mit unterschiedlichem zeitlichem Rhythmus (Sender und Empfänger müssen nicht zur gleichen Zeit online sein)

Schnelligkeit

Die reduzierte soziale Präsenz des Internets limitiert Emotionen und komplexe Interaktion

Durch „Nur Text“ Kommunikation werden Kennzeichen der Menschen reduziert (Geschlecht, Alter, sozialer Stand, etc. werden nicht kenntlich)

Extreme Formen der Kommunikation sind möglich, da kein direkter Kontakt besteht (in E-Mails wird geschrieben, was man sich persönlich nie sagen würde)

Durch Links und andere Vernetzungen vergrößern sich die sozialen Verbindungen

Es ist Kontakt zu vielen und unterschiedlichen sozialen Kreisen möglich

Die Kommunikation ist weder uniform noch universell


Das Thema der sozialen Kontakte im Bezug auf das Internet wurde auch von vielen Schriftstellern und Journalisten aufgegriffen. In der Diskussion bildeten sich schnell zwei gegensätzliche Lager, so gab es zum einen die Vertreter der utopischen Ansicht, die das Internet als „Global Village“ preisten und das Netz „the most transforming technological event since the capture of fire“ nannten. Auf der anderen Seite gab es die dystopische Opposition, die der Meinung war, das Internet könne nie den Wert der realen Beziehungen erreichen. Sie meinten: „Online-Relationships only take time away from the more emotionally satisfying relationships that could be found offline.” und sahen die Gefahr der Isolation und der Bildung von multiplen Persönlichkeiten.
Laut Barry Wellman haben beide Seiten eine zu vereinfachte Sicht auf das Internet, da beide davon ausgehen, dass das Internet Menschen aus ihrem realen Leben zieht und die tatsächliche Internetnutzung der Menschen ignoriert wird. In diesen Betrachtungen fehlt also der soziale Kontext.

Neue Studien beschäftigen sich mit der Frage „Beeinflusst das Internet den persönlichen, direkten sozialen Kontakt?“
Sie konnten beweisen, dass ein Großteil des Online-Kontaktes zwischen Menschen besteht, die sich auch offline kennen und somit auch persönlichen Kontakt haben.
Es gibt keinen Beweis, dass soziale Kontakte und das tägliche Leben durch die Nutzung des Internets beschädigt werden.
Aber wenn die Zeit, die wir vor dem Computer verbringen sich nicht negativ auf unsere sozialen Kontakt auswirkt – welche anderen Aktivitäten kommen denn dann als Folge der Internetnutzung zu kurz?
Auch diese Unklarheit konnte beseitigt werden. Nach amerikanischen Studien reduziert die Internetnutzung die Zeit, die ansonsten vor dem Fernseher oder mit anderen „alten“ Medien verbracht wird.
Der soziale Kontakt wird nicht gestört, im Gegenteil kann sich zwischen Online und Offline-Kontakt sogar ein Kreislauf entwickeln, indem sich beide Formen der Kommunikation gegenseitig verstärken.
Dabei überwiegt jedoch der Kontakt zur Familie, die häufiger Online kontaktiert wird, als zum Beispiel Freunde. Diesen Sachverhalt erklärt Barry Wellman damit, dass der Kontakt zur Familie routinierter abläuft und weniger Aktivität erfordert, als der zu den Freunden.

Ein anderes Thema in den Studien war die Schließung neuer Kontakte über das Internet. Werden tatsächlich häufig neue Bekanntschaften in Chats, Foren oder über E-Mails geschlossen? Die Studien zeigen, dass dies nur selten der Fall ist und dass die geschlossenen Beziehungen meist auch nur sehr kurz anhalten oder aber schnell zu Offline-Beziehungen werden, da immer das Bedürfnis aufkommt, sich persönlich zu treffen.
Doch auch zur Beendigung von Kontakten kann das Internet genutzt werden, schließlich ist es weit einfacher, E-Mails zu ignorieren, als Personen.

Abschließend fasst Wellman, die wichtigsten Vorteile der „Networked Individuals“ zusammen: Sie sind in der Lage in verschiedene soziale Netzwerke eingebunden zu sein und sie können Kontakt zu Personen in ihrer Nähe, als auch Kontakt über große Distanzen halten, was besonders heute von Bedeutung ist, da es häufig zu räumlichen Trennungen von Personen kommt. Eine große Rolle spielt für ihn das „keeping in touch“, die Möglichkeit, unter geringem Aufwand Kontakte zu halten, die vor dem Durchbruch des Internets so nicht zur Verfügung stand.

Ich persönlich kann nach meinem Wissen viele Ergebnisse der Studien bestätigen. Ich glaube nicht, dass die direkten Kontakte durch die Kommunikation über das Internet abnehmen, vielmehr bietet das Internet eine großartige Ergänzung zur direkten Kommunikation. Beispielsweise wäre es ohne E-Mails oder Messenger überhaupt nicht möglich, Kontakt zu weit entfernt lebenden Freunden oder Bekannten zu halten – es sei denn, man kann es sich leisten, ein Vermögen für Telefonkosten auszugeben.
Auch kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Online-Kommunikation ebenso zur Terminabsprache oder anderer knapper Kommunikation mit Menschen, die sich in der Nähe befinden, als Ersatz für kurze Telefonate sehr nützlich ist.
Trotzdem bin ich selbst auch immer ein bisschen „dystopisch“ was das Internet betrifft. Ich selbst halte es für realistisch zu denken, dass die Online-Beziehungen nicht an die realen, persönlichen Beziehungen heranreichen können. Sie werden diese nie ersetzen können - aber das sollen sie ja auch gar nicht, sondern eben ergänzen.

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